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World of Warcraft: Classic – wieso ist ein 15 Jahre altes MMORPG so faszinierend?

Ist es nur Nostalgie? Die Sehnsucht nach dem Vergangenen?

Fast jeder kennt die Geschichte zum Anfang der originalen World of Warcraft 2004: Blizzard warnicht auf den Erfolg vorbereitet, Server fielen aus, endlose virtuelle Schlangen von Spielern, die sich einloggen wollten. WoW war schon deshalb besonders, weil es im Gegensatz zu den damaligen Platzhirschen im MMORPG-Genre eher casual, also für Gelegenheitsspieler ausgelegt, war. Ultima Online, Everquest und Co. waren geprägt von Spielsystemen, die jeden Fehler drakonisch bestraften. Wenn man starb, verlor man Erfahrungspunkte und unter Umständen seine ganzen mühsam erspielten Gegenstände (weshalb in Ultima Online oftmals Spieler „Stadtrüstung“ hatten, die sie nur in sicheren Bereichen anzogen, um sie nicht im Kampf gegen andere Spieler zu verlieren – sozusagen nur um zu zeigen, was sie hatten). WoW war anders, man verlor keine Erfahrungspunkte (zumindest nicht im fertigen Spiel, in den frühen Betas war das noch anders), keine Gegenstände. Man konnte sich voll in diese neue Welt stürzen, ohne dass man Angst vor den Konsequenzen haben musste.

Der Rest ist, wie man so schön sagt, Geschichte: World of Warcraft wurde das erfolgreichste MMORPG aller Zeiten und bis zum Ende der Wrath of the Lich King Erweiterung schien es kein Ende des Erfolgs zu geben. Allerdings gab es schon sehr früh Vanilla-Private-Server, auf denen die Originalversion von WoW gespielt wurde. Blizzard selbst zeigte keinerlei Intention, Spielern die alte Erfahrung offiziell zu geben. Bis zur Ankündigung von World of Warcraft: Classic. Im August kommt die Version raus, die Beta läuft schon etwas länger und alles deutet auf einen echten Erfolg hin. Aber warum? Das versuchen wir aus Sicht eines Spielers der ersten Stunde zu ergründen.

Verbesserungen, Add-Ons, die Welt von WoW
Machen wir uns nichts vor: Blizzard hat über die Jahre unglaublich viel verändert, verbessert und glattgeschliffen. All die kleinen lebenserleichternden Maßnahmen und Features, die man als gegeben hinnimmt, sind in Classic schlicht nicht vorhanden – oder müssen als Add-Ons hinzugefügt werden. Besonders deutlich wird das, wenn man erst eine Weile die aktuellste Version (Battle for Azeroth) spielt und dann in WoW: Classic springt. Markierungen, wo man für ein Quest hin muss? Fehlanzeige. Oder wo überhaupt die Quest-Geber sind? Ebenfalls nicht vorhanden. Man muss jeden Text lesen und auf der Karte seinen Weg planen, um Quests abzuschließen. Und der Weg zu jedem Ort ist gespickt mit Gefahren: Die Welt ist feindlich, man ist nicht der Superheld wie im aktuellen WoW. Zwei oder mehr Monster greifen gleichzeitig an? Aufpassen, perfekt spielen und im Idealfall weglaufen ist die Devise. Kein Vergleich mit dem jetzigen Spiel, wo man sogar Horden von feindlichen NPCs einfach ausschaltet.

Flugpunkte sind ebenfalls rar gesät, lange Fußwege sind an der Tagesordnung. Wer einmal von Orgrimmar bis Thunder Bluff gelaufen ist, um Quests abzugeben (samt Timer), weiß genau, wie sich das anfühlt. Dazu kommt, dass Quests oftmals weit auseinanderliegen, man hin und her muss und nicht wie in der aktuellen Version des Spiels einfach „abgearbeitet“ werden können.

Um das zusammenzufassen, muss man nur einmal das aktuelle Live-Game anschauen, um die unglaublichen Unterschiede zu sehen. Blizzard haben so viele Verbesserungen und Erleichterungen eingebaut, dass die Welt sich geändert hat. Auf der einen Seite ist der Einstieg viel einfacher, man bewegt sich schneller durch die Welt, auf der anderen Seite geht eben genau das Gefühl verloren: das Erforschen einer großen Welt voller Geschichten. Deshalb ist Classic auch ein bisschen die Wiederentdeckung der Langsamkeit, in der der Weg das Ziel ist und man erst später über das so genannte Endgame auf maximaler Levelstufe nachdenkt.

Elite-Mobs, Quests und Gruppen
Wer sich in Battle for Azeroth einloggt und normalen Content spielt, denkt ab einem gewissen Equipment-Stand nicht mehr darüber nach, ob er sich vielleicht eine Gruppe suchen muss, um einen Elite-Mob zu besiegen. Die meisten Klassen sind inzwischen so immens mächtig, dass man eine Art Gott ist und alles vernichtet, was sich einem in den Weg stellt. Ganz anders in Classic: Einen Elite-Mob allein angehen? Keine Chance, wenn er ungefähr den gleichen Level hat. Quests, die als rot oder als „nur mit Gruppe empfohlen“ gekennzeichnet sind, kann man allein in Classic ebenfalls vergessen. Das sorgt dafür, dass man gern die Hilfe von anderen annimmt, ihnen Hilfe anbietet und so ins Gespräch kommt. Das kann bedeuten, dass man etwas warten muss, bis man in eine Gruppe kommt, ist aber längst nicht so anonym wie in BfA, wo man von allen Realms Spieler in die Gruppe bekommt, um schnell eine Aufgabe zu erledigen.

Hat man in Classic Mitstreiter gefunden, muss man immer noch die richtige Strategie finden. Besonders auf niedrigeren Levels wird man sonst von den Mobs überlaufen. Gezielt einzelne Mobs aus Gruppen ziehen, Crowd Control nutzen und danach sich über das Ergebnis freuen: Ganz ehrlich, wann hatte man das in der Live-Version das letzte Mal?

Den „massively“-Aspekt im Namen MMORPG gibt es dann auch in Classic viel leichter als in der Live-Version. Es gibt kein Gruppen-Tool, man muss die Gruppe langsam zusammenstellen. Und dann, wenn eine Quest-Reihe oder ein Dungeon mit dieser Gruppe gut gelaufen ist, packt man sie gleich in die Freundesliste. Das sind dann Spieler, auf die man sich auf dem eigenen Heimatserver verlassen kann. Wer sich schlecht benimmt, spielt allein, weil er sich nicht durch die Anonymität von automatischen Gruppen und ständig wechselnden Gesichtern schützen kann.

Aggro, Talente und der eigene Weg
In Zeiten, in denen fast religiös der Damage Meter analysiert wird, wer denn nun genügend Schaden gemacht haben könnte, sind verschiedene Aspekte von World of Warcraft ein bisschen in Vergessenheit geraten. Unter anderem Aggro von einem NPC. Wo in Vanilla noch ständig darauf geachtet wurde, dass man möglichst den Tank seine Arbeit machen lässt, wird heute schlicht wild drauf los geholzt. Das ist für diejenigen, die jetzt zur Beta das erste Mal Classic spielen, eine sehr große Umstellung. Dennoch ist genau dieser Faktor ein Aspekt des Zusammenspiels der Gruppe: Hat der Heiler genügend Mana, der Tank genügend Aggro vom Mob? Muss ich ggf. nach einem kritischen Treffer mich lieber zurückhalten?

Wobei wir auch schon bei den Talenten in Classic sind und dem Faktor, dass man kreativ am eigenen Weg schrauben kann. In WoW: Classic gibt es keine zwei Talentbäume, man ist darauf festgelegt, wie man seinen eigenen Charakter zusammenbaut. Zwar kann man die eigenen Talente resetten lassen, aber das geht ganz schnell ins Geld, eine Ressource, die man in Classic lange nicht so reichlich hat, wie es im aktuellen Spiel der Fall ist. Das sorgt dafür, dass man sich mit der eigenen Klasse wirklich beschäftigen muss, um schon zu wissen, wie man die Talentpunkte verteilt. Und dann bestimmt die eigene Wahl bei vielen Klassen den eigenen Spielstil. Man kann das vereinfachte Talentsystem, die verschiedenen Talentbäume, die man mit einem Knopfdruck umschalten kann und das kostenlose Umschalten von Talenten mögen oder nicht: In Classic muss man einfach mehr darüber nachdenken. Und Neueinsteiger haben dann das Problem, mit sehr schlecht geskillten Charakteren rumzulaufen, weil sie sich einen Reset nicht leisten können.

Alles beim Alten oder brandneu?
Es gibt natürlich noch sehr viel mehr Unterschiede zwischen dem, was World of Warcraft: Classic und Battle for Azeroth besonders macht. Sie alle aufzuzählen, wäre schlicht unmöglich und würde den Rahmen sprengen. Aber grundsätzliche Unterschiede erklären die Faszination von Classic (und der vorher von der Community gebauten privaten Server) gegenüber BfA.

Die Welt von World of Warcraft: Classic ist reicher an Geschichten, an Freundschaften und an schwierigen Herausforderungen. Das Spiel ist langsamer, teilweise rudimentär und dennoch genau richtig, um die bedrohliche Welt und die Winzigkeit des Spielers während des Levelns darzustellen. Die Bosse sind einfacher als heutzutage, wer die Instanzen aus Vanilla für härter hält, sollte darüber nachdenken, warum sie härter waren. Das waren nicht die Mechaniken, das waren andere Faktoren.

Als Ausblick lässt sich schwer sagen, ob WoW: Classic ein langfristiger Erfolg wird. Kurz- und mittelfristig auf jeden Fall. Wenn es dann zum Ende der Patches aus dem originalen Vanilla kommt, wird sich zeigen, ob Blizzard einfach wieder von vorne anfängt oder ob sie eine kreative Lösung finden, wie man Classic lange bestehen lassen kann. Wir sind gespannt!

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