eSport

Professionalisierung im eSport: Was muss man als echter Profi heutzutage mitbringen?

Reicht es auch heutzutage noch, rein auf Skill zu setzen? Oder muss man viel mehr investieren, um ein Profi im eSport zu werden?

Die Zeiten, in denen ihr euer Lieblingsspiel einfach nur gezockt habt und dann irgendwann zum eSport-Profi aufgestiegen seid, sind vorbei. Das ist natürlich eine sehr vereinfachte Sichtweise auf eSport insgesamt, es ist schon klar, dass hunderte oder tausende Stunden in eine eSport-Karriere fließen und schon immer geflossen sind. Allerdings hat sich eSport in den letzten Jahren immer weiter professionalisiert, das heißt, man muss einen Plan haben, um es als Profi zu schaffen. Aber, was heißt das denn eigentlich? Was muss man als Profi neben Skill und Gamesense heutzutage mitbringen?

Parallelen zum klassischen Sport
Nicht erst seit dem ziemlich bahnbrechenden Deal in der ESL Pro League für Counter-Strike, steigt der Druck auf Teams, sich ständig auch geschäftlich weiterzuentwickeln. Es reicht nicht mehr, wenn man ein paar Leute hat, die extrem gut in einem Spiel sind – das professionelle Umfeld, die Supportstruktur, muss stimmen. Und da kann man sehr gut aus den über Jahrzehnte gewachsenen Strukturen des Profisports lernen. Ab einem bestimmten Level, dem Schritt von Amateur zu Profi, sind so viele Faktoren zu berücksichtigen, dass das nur mit Experten zusammen möglich ist.

Große eSport-Teams haben schon lange nicht nur Trainer, Bootcamps und Sponsoren, sie haben Psychologen, die Athleten darauf vorbereiten, wie mit Siegen oder Niederlagen umzugehen ist. Sie haben Physio-Coaches und Strategieteams. Die großen Teams tauchen immer und immer wieder in Streams und in TV-Sendungen auf, sie sind in besserer körperlicher Verfassung als je zuvor. Inzwischen sind viele eSportler echte Athleten geworden, körperlich und geistig trainiert und auch deshalb so erfolgreich. Wenn Fußballmannschaften eSportler aufnehmen (zum Beispiel für FIFA, aber auch für League of Legends und andere Titel), können die eSportler auf die ganze gewachsene Infrastruktur zurückgreifen, die vorher nur Profifußballern zugänglich war.

Oben ist die Luft manchmal dünn
Machen wir uns nichts vor: Es gibt so viele hungrige eSport-Amateure und nicht nur immer mehr Games haben kompetitive Elemente, die Spieler werden ebenfalls immer besser. Das liegt einfach daran, dass eSport inzwischen ein Massenphänomen ist, immer mehr Talente wissen, dass sie davon gut leben können und zu Stars werden wollen. Deshalb reicht es heutzutage nicht mehr, sich auf den eigenen Lorbeeren auszuruhen und nach einem Sieg erst mal zu entspannen. Die nächste Generation wartet schon. Konstantes Training, immer und immer wieder, Wissen zu allen Aspekten des Spiels (egal ob MOBA, FPS oder MMO etc.) und gutes Coaching sind Kernfaktoren dafür, länger an der Spitze zu bleiben.

Früher war es so, dass man mit gutem Aim, gutem Gamesense und Talent ganz nach oben kommen konnte. Das ist theoretisch auch noch möglich, aber ab einem bestimmten Punkt kommen Scouts mit dazu, die Talente auf LAN-Partys und Events finden. Man darf aber auch nicht vergessen, dass es früher keine Vollzeit-eSport-Profis gab, da konnte man einfach nicht genügend Geld verdienen, um damit seinen Lebensunterhalt zu bestreiten.

Was heißt das also für euch, wenn ihr eSport-Profis werden wollt? Identifizieren eines Spiels, für das ihr Talent habt, das wahrscheinlich lange im Markt sein wird und genügend Sponsoren, Veranstalter und Zuschauer ziehen wird, oder: ein etabliertes Spiel auswählen und sich komplett ins Training stürzen. Nur ist bei etablierten Spielen natürlich bereits eine große Anzahl anderer Spieler dabei, die euch gegenüber einen Vorteil haben werden. Fokussiert euch dann voll auf das eine Spiel, nehmt an On- und Offline-Turnieren teil und bildet euch auch im Bereich Business weiter, damit ihr vorbereitet seid, falls ein Scout euch entdeckt.

Kurzum: Ihr müsst mehr als früher auch das Drumherum bei Spielen und eSport kennen, damit der finale Schritt gelingt.

Weiterentwicklung des Coachings
Bei Titeln wie Counter-Strike: Global Offensive oder Rainbow Six Siege sind sie aus dem Turnierbetrieb nicht mehr wegzudenken: Coaches und Shotcaller. Durch die Professionalisierung des eSports wird das auch immer weiter Einzug in andere Disziplinen oder Spiele halten. Ein gutes Beispiel dafür ist das gerade beendete „Race to World First“ in World of Warcraft. Das erste Mal war der Raidleader der amerikanischen Spieler von Complexity Limit nicht Teil des Raidteams, sondern externer Coach, der das Geschehen von außerhalb beobachtete und die Spieler unterstützte.

Man kann jetzt darüber streiten, ob World of Warcraft ein eSport-Titel ist, das ist aber in diesem Kontext irrelevant. Fakt ist, dass die Position des Raidleaders, der Timings und Aktionen ansagt, von der Bürde befreit wurde, selbst auf Weltklasseniveau zu spielen. Im Interview sagte Maximum von Complexity Limit dann auch, dass sie nur so ihren ersten World-First-Titel schaffen konnten.

Aber, warum ist das so? Selbst die besten Spieler übersehen kleine Details, wenn sie im Game sind. Das können Heiltränke sein, die einen virtuellen Tod verhindern, oder Fähigkeiten, die bereit sind aber übersehen werden, was die letzten kleinsten Prozentpunkte mehr Schaden oder Heilung bedeuten kann. Ein Shotcaller ist in diesem Fall jemand, der einen Überblick darüber hat, was in jedem Moment möglich ist, welche Fähigkeiten auf Cooldown sind oder was verfügbar ist. Außerdem sagt er Bewegungen und Aktionen an, im Überblick und ohne selbst spielen zu müssen. Das nimmt den Druck vom Team und vom Coach oder Shotcaller gleichermaßen. Method, die Gilde, die sonst die meisten „World Firsts“ erreicht hat, denkt ebenfalls über ein solches Modell für das nächste Mal nach.

Wo früher Spieler, die sehr gut in einem Game waren, zu Coaches wurden, sind inzwischen oftmals professionell ausgebildete Coaches dabei – psychologisch und sportlich geschult. Das ist ein natürlicher Evolutionsschritt in einem Sport, der inzwischen immer größer wird und der professionell in jedem Aspekt geworden ist.

Wo geht es hin?
Neben den neuen Herausforderungen für Spieler, die den Schritt in den professionellen eSport schaffen wollen, gibt es noch einige andere Herausforderungen drumherum. In Europa hängen wir den USA und Asien besonders mit Turnierflächen ein bisschen hinterher. So schnell, wie der eSport wächst und Fans vor Ort in der Halle sein wollen, wachsen leider die Multifunktionshallen, die zur Verfügung, nicht in allen Städten stehen. Entgegen klassischen Sportveranstaltungen verlangen eSport-Events und -Turniere eine komplett andere Infrastruktur und Technik.

Wir werden in den nächsten Jahren noch viele Entwicklungsschritte im eSport sehen und die Möglichkeiten sind fast grenzenlos (sowohl für potenzielle Athleten, aber auch für Supporter, Sponsoren, Locations etc.) und es ist spannend zu sehen, wo die Reise hingeht.