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Faszination Speedrunning: Von der Nische auf die große Bühne

Wenn das schlichte Beenden eines Spiels nicht mehr genug ist, kommen die verschiedenen Formen von Speedrunning ins Spiel.

Die Zeiten, in denen ein paar Nerds in einem Hinterzimmer versuchten, sich gegenseitig dabei zu übertreffen, wie schnell sie einen Level oder ein gesamtes Game durchspielen können und sich dabei auf VHS-Tapes filmten, sind lange vorbei. Speedrunning, in den verschiedensten Formen, ist inzwischen ein echtes Phänomen und das zu Recht. Aber was macht die Faszination aus? Sowohl auf Seiten der Speedrunner selbst, als auch bei den Zuschauern? Dazu muss man ein bisschen tiefer graben und sich die Gesamtheit der Möglichkeiten anschauen, die das Thema so mit sich bringt.

Ihr kennt das sicherlich: Ihr habt stundenlang mit den Bossen von Sekiro: Shadows Die Twice gerungen und endlich das Spiel durchgespielt. Dann seid Ihr auf YouTube unterwegs und ein Speedrunner spielt das Game mal eben in einer halben Stunde durch. Oder ein Twitch-Streamer spielt die Dark-Souls-Reihe in Rekordzeit durch – ohne ein einziges Mal getroffen zu werden. Doch nicht nur aktuelle Titel werden in der Speedrunning-Community immer wieder mit neuen Bestzeiten bewältigt, auch jahrzehntealte Games sind immer noch für eine Überraschung gut. So wurde zum Beispiel das originale Doom gerade wieder einmal angefasst und ein Level, bei dem die Bestzeit fast 20 Jahre als unbezwingbar galt, um zwei Sekunden schneller durchgespielt.

Regeln, Schiedsrichter und Grundlagen
Damit Speedruns nachvollziehbar und vergleichbar sind, müssen natürlich Regeln bestehen und Schiedsrichter auf die Runs schauen, um sie zu verifizieren. Besonders, weil man heutzutage selbst seine Runs per Capturing-Software aufnimmt und die Möglichkeit zur Manipulation durchaus gegeben ist, wird von den einzelnen Communitys genau hingeschaut. Einige Runs stellen sich im Nachhinein als eine Aneinanderreihung von bestmöglichen Situationen heraus und werden deshalb disqualifiziert. Denn wer seine Runs so bearbeitet, dass sie etwas darstellen, was sie nicht sind, hat im Speedrunning nichts verloren.

Die Regeln sind so vielfältig wie die Speedrunner selbst. Zunächst einmal wird festgelegt, ob ein Run in einem Rutsch gespielt werden muss, oder man die Segmente einzeln spielt und die besten Segmente aneinanderreiht, um eine Gesamtzeit zu erhalten. Dazu ist zudem wichtig, ob es sich um ein so genanntes New Game+ handelt oder ein wirklich neuer Run. In NG+ hat man oftmals mehr Möglichkeiten und bereits alle wichtigen Waffen freigeschaltet, was es einfacher macht, auch schwere Bosse zu besiegen. Wer komplett neu beginnt, muss auf Skillpunkte, Ausrüstung und andere gesammelte Boni verzichten.

Dann wird festgelegt, wie viele Erfolge bzw. wie umfassend das Spiel gespielt werden muss. In so genannten Any%-Runs (Any Percent = Egal, wie viele Prozent des Spiels) geht es nur darum, das Ende des Spiels zu erreichen, das Spiel abzuschließen, ohne sich um optionale Faktoren zu kümmern. Dabei wird dann bei Spielen wie Dark Souls oder RPGs definiert, welche Bosse besiegt werden müssen: Nur die Hauptbosse oder auch optionale Bosse? In 100%-Speedruns muss, wie der Name schon zeigt, das gesamte Spiel abgeschlossen werden, alle Erfolge und optionale Quests und Missionen absolviert werden. Naturgemäß sind solche 100%-Runs viel länger und werden deshalb oft segmentiert und nicht am Stück gemacht.

Weitere Details sind optionale Parameter wie „machine-assisted“ (Skripte finden den besten Weg) oder „no monsters“ (alle Monster im Spiel werden ausgeschaltet, man spielt in leeren Levels, wo es nur darum geht, den schnellsten Weg zu finden). Jede dieser Arten von Speedruns haben eigene Sektionen auf speedrun.com und anderen Community-Websites und werden ständig aktualisiert.

Und, man mag es kaum glauben, sogar Glitch-Runs sind erlaubt, bei denen man sich Fehler in der Programmierung zu Nutze macht, um ein Spiel besonders schnell zu schaffen. Das muss natürlich vorher festgelegt sein und man muss das mögen, denn bei Glitch-Runs von zum Beispiel Prey 2 oder Portal 2 kann man nicht mehr wirklich erkennen, was da passiert, wenn die Runner durch die Wände und in den Decken von Level zu Level springen.

No Hit, No Damage … unendliche Möglichkeiten
Besonders Spiele von FromSoftware sind in der letzten Zeit immer beliebter bei einer ganz neuen Art Speedrunner geworden. Und dabei geht es nicht um die reine Zeit, sondern um immer schwerer werdende Grundregeln, die sich die Runner auferlegen. Während wir oftmals Probleme haben, überhaupt einen Boss in Dark Souls zu besiegen, spielen Runner „No Hit Runs“, bei denen sie nicht ein einziges Mal getroffen werden dürfen, „No Damage Runs“, wo das nochmals verschärft wird, weil sie nicht nur nicht getroffen werden dürfen, sie können auch keine Abkürzungen nehmen, die ihnen Schaden durch Fallschaden oder ähnliches zufügen. In Sekiro: Shadows Die Twice arbeiten einige große Runner wie Squillakilla im Moment daran, nicht einmal mehr Abwehr-Moves zu nutzen, die eigentlich die Basis zum Besiegen der Bosse sind. Verrückt, aber faszinierend und auf Twitch immens beliebt.

Dazu kommen Runner, die von der Community die Regeln festlegen lassen. Dark Souls mit einem Guitar-Hero-Controller? Super Mario Bros. mit einem DJ-Controller durch Scratchen steuern? Alles schon dagewesen. Was auch immer ihr euch vorstellt, ein Runner hat es sicherlich schon gemacht. Und ihr denkt jetzt vielleicht: Naja, dann blind oder mit einer Hand hinterm Rücken oder mit den Füßen! Sorry, gab es schon, auch bei Spielen, wo man sich nicht vorstellen kann, dass das funktionieren kann. Und es macht immer wieder Spaß, solchen Runs zuzuschauen – wenn der Runner ein guter Entertainer ist.

Warum selbst Speedrunner werden? Und warum zuschauen?
Rekorde aufzustellen ist seit jeher ein urmenschliches Verlangen. Und bei Videospielen ist die Reproduzierbarkeit gegeben: Man kann ein Spiel so gut lernen, dass man perfekt immer weiß, was als nächstes passiert. Was früher wirklich nur für hartgesottene Nerds interessant war, zieht auf Twitch und YouTube inzwischen riesige Communitys, die die Runner anfeuern und auch stundenlange Rekordversuche live mitverfolgen. Die Runner sind inzwischen Stars und das Streamen der eigenen Rekorde ist durchaus lukrativ. Außerdem wird man als Experte für die Spiele natürlich immer wieder von den Softwareherstellern konsultiert.

Das Zuschauen ist wieder eine ganz andere Sache. Klar, die meisten Speedrunner sind echte Entertainer, da macht es sowieso Spaß zuzuschauen, aber ein viel wichtigerer Aspekt sind die Tipps und Tricks, die man von den Runnern lernt. Ihr steckt bei einem Spiel fest, könnt einen Boss einfach nicht besiegen? Es wird immer einen Speedrunner für das Spiel geben und wenn ihr seht, wie diese absoluten Experten eine Herausforderung meistern, könnt ihr das in euer eigenes Repertoire übernehmen und auf einmal ist das alles nicht mehr so schwer. Die meisten Speedrunner interagieren sehr aktiv mit ihrem Chat und wenn ihr Fragen stellt, wie sie eine Sache schaffen, erklären sie im Normalfall sehr gern, was zu tun ist.

Aller Anfang ist schwer…oder einfach?
Selbst Lust bekommen, Speedrunner zu werden? Das ist heutzutage sowohl schwer als auch leicht. Schwer deshalb, weil ihr das Spiel, das ihr euch aussucht, perfekt beherrschen müsst. Leicht deshalb, weil euch eine Vielzahl Tools zu Verfügung stehen und eben auch viele andere Speedrunner, bei denen ihr euch – besonders zu Anfang – einiges abschauen könnt. Also, sucht euch ein Spiel raus, das ihr nicht nur bezwingen wollt, sondern perfektionieren wollt und los geht’s.

Für viele PC-Spiele und Emulatoren klassischer Konsolen wie NES, SNES, N64, MegaDrive etc. gibt es Savegame-Manager. Die benötigt ihr definitiv, um einzelne Segmente schnell wieder starten zu können. Nur so könnt ihr eure Laufwege und Taktiken so perfektionieren, dass sie fast wie im Schlaf funktionieren. Schaut einfach bei verschiedenen Speedrunnern in die Streams, die das Spiel spielen, das ihr euch ausgesucht habt und ihr werdet sehen, wie lange es dauert, bis ein Segment perfekt läuft.

Plant viel Zeit ein, wenn es um das Training geht. Ihr müsst sehr viel Geduld haben, um bestimmte Bosse immer und immer wieder zu spielen, zu besiegen und dann noch weiter zu optimieren. Wenn neue Spiele rausgekommen, werdet ihr sehen, wie große Speedrunner immer und immer wieder kleinste Segmente eines Spiels trainieren, um perfekt zu wissen, was genau dort passiert. Also bringt Geduld mit, es ist noch kein Speedrunner vom Himmel gefallen. Aber wenn ihr durchhaltet und euren ersten Rekord einfahrt, lohnt sich das für das Gefühl der Perfektion.

Wir drücken euch die Daumen. Und wenn ihr erst mal nur zuschauen wollt, checkt die Stream-Sektion von speedrun.com unter https://www.speedrun.com/streams. Viel Spaß!

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